Alte Sonnen-Apotheke, Markt 2, 49740 Haselünne im Emsland

 

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Naturmedizin aus dem Supermarkt?

Jahrtausendelang bestimmten Naturstoffe die Medizingeschichte. Heilkundige
gebrauchten verschiedene Kräuter oder Mineralien, die heilende, gesundheitsfördernde, aber oft auch giftige Wirkkräfte besaßen.

Dann kam die moderne Chemie auf und behauptete, alles besser zu können.
Kräuterkunde betrachtete man als mittelalterlichen Humbug oder primitive
Hilfsmedizin.

Das hat sich heute gründlich wieder geändert. Naturmedizin in Form von
Mineralstoffen und Kräutern ist nicht nur ungemein populär geworden,
vielfach werden Kräuter auch von der Forschung wieder aufgegriffen, wenn die
chemische Medizin an ihre Grenzen stößt.

Aber wieviel weiß der Verbraucher und Patient über diese Naturstoffe, mit
denen er sich am liebsten selbst behandeln möchte ? Kann er die wichtigsten
Fragen beantworten ? Was und wieviel ist sicher ? Womit kann er Schaden
anrichten?

Eine grundlegende Antwort der Pharmazie lautet: Jedes Mal, wenn Sie etwas
Fremdes in Ihren Körper bringen, gehen Sie ein Risiko ein. Eine Medizin ist
nicht notwendigerweise sicher, weil sie natürlich ist ( auch Anthrax und SARS sind natürlich, und trotzdem möchte ganz bestimmt keiner von Ihnen diese Krankheiten haben). Und ein im Supermarkt oder Internet frei verkäuflicher Kräuterextrakt kann Sie gegebenenfalls in die Notfall-Ambulanz des Krankenhauses bringen.

Früher wurden die Kräuter in der Apotheke zerkleinert und nach Alter, Gewicht und Befinden des Patienten mit Dosierungsanweisungen versehen. Da aber die Inhaltsstoffe von Kräutern mit jeder Ernte unterschiedlich ausfallen, konnte kein Arzt und kein Apotheker exakt vorhersagen, wieviel Kraut für eine optimale Wirkung notwendig war. Entsprechend setzen die Arzneibücher nur einen Mindestgehalt an Wirkstoffen für Kräuter fest. Der Patient mußte bei stark wirkenden Arzneikräutern vom Arzt genau beobachtet werden, ob und wie die Wirkung bzw. auch die Nebenwirkungen eintraten.

Als dann isolierte Inhaltsstoffe der Pflanzen zu Fertigmedikamenten verarbeitet
wurden, übernahmen staatliche Stellen eine rigorose Inhalts- und Qualitätskontrolle mit dem Ziel, die Wirkung vorhersehbar zu machen und die Nebenwirkungen so gering wie möglich zu halten.

Die schwach bis mittelstark wirksamen Kräuter blieben weitgehend davon
ausgenommen. Sie unterliegen vielfach nicht dem Arzneimittel- , sondern dem
Lebensmittelgesetz, welches weder die Mittel noch die Wege hat, eine medizinische Wirkung zu beurteilen und zu standardisieren. Bestenfalls kann Ihnen das Lebensmittelgesetz eine relative Schadstofffreiheit der Kräuter garantieren. Mit dem Rest von Wirkung und Nebenwirkung sind Sie auf sich selbst gestellt, die Lebensmittelverkäufer können Ihnen dazu keine ausreichende Auskunft geben.

Sonnenhut, Ephedrakraut, Pfefferminze, Knoblauch, Johanniskraut, Selen-- das sind nur einige Beispiele für Naturmedizin, die mehr oder weniger frei im Verkauf auch außerhalb von Apotheken existiert. Aber sind diese Naturmittel wirklich problemlos in der Eigenbehandlung ?

Was hören Sie, wenn Sie dazu Ihren Apotheker fragen ?

Sonnenhut (Echinacea purpurea) ist eine nordamerikanische Heilpflanze, die das Immunsystem anregt. Sie kann vorbeugend oder zu Beginn der Erkrankung bei Erkältungen und anderen Infekten genommen werden. Vergiftungen sind nicht bekannt, Sonnenhut verträgt sich mit anderen Medikamenten . Problemlos ? Mitnichten, es gibt Erkrankungen wie chronische Arthritis, sogenannte Autoimmunerkrankungen, wo das zu Immunsystem Teile des eigenen Körpers angreift und zerstört. Diese Reaktion zum falschen Zeitpunkt noch zu verstärken könnte verheerend sein

Ephedrakraut (Ephedra sinica) ist eine chinesische Heilpflanze, die gegen Asthma und Bronchitis gebraucht wird, aber auch in der Augenheilkunde. In neuerer Zeit wurde die Wirkung von Ephedrin, dem Hauptinhaltsstoff, als Appetitzügler genutzt. Harmlose Natur ? Keineswegs. Ephedra kann so gefährliche Nebenwirkungen haben, daß die Pflanze in Deutschland nicht verkehrsfähig ist und der Inhaltsstoff Ephedrin unter Verschreibungspflicht steht, sobald eine gewisse Menge überschritten wird. Ephedrin wirkt nicht nur stimulierend auf das Gehirn, es kann auch direkt dort Schaden anrichten: Nervosität, Schlaflosigkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit, Angst, Unruhe. Dazu kommen weitere Nebenwirkungen wie Diurese, Hypoglykämie, starke Hautrötung, sinkender Blutdruck. Als Gipfel des Schadens kann Ephedrakraut als Ganzdroge auch noch Leberkrebs produzieren. Folgerichtig ist Ephedrakraut in mehr als 20 Staaten bereits verboten .

Pfefferminze (Mentha piperita) ist eine praktisch seit ewigen Zeiten bei uns bekannte Heilpflanze, der Inhaltsstoff Menthol wird gerne gebraucht bei Erkältungen. Garantiert harmlos ? Nein ! Menthol kann bei Babys unter der Nase oder im Brustbereich aufgetragen zu Atemstillstand führen. Erkältungspräparate für Babys und Kleinkinder aus der Apotheke enthalten niemals Menthol. Aber Pfefferminze hat doch wenigstens keine Wechselwirkungen ? Ebenfalls nein ! Falls Sie z. B. homöopathische Medikamente nehmen, dürfen Sie keine Pfefferminze gleichzeitig gebrauchen. Sie kann die homöopathische Wirkung zunichte machen. Selbst ein schwacher Pfefferminztee oder das Menthol-Aroma in Ihrer Zahnpasta kann dafür schon ausreichen.

Knoblauch ( Allium sativum), ebenfalls einheimisch, ist wirksam bei Magen- und Darmstörungen, ist nützlich zur vorbeugenden Behandlung von Altersprozessen im Gefäßsystem und unterstützt die Behandlung von Bluthochdruck, allgemeiner Schwäche und Leistungsminderung. Wer den Geruch aushält, kann sich mit 2-3x tägl. einer Knoblauchzehe direkt am Naturprodukt laben. Bedenkenlos ? Die einzige Kontraindikation (Gegenanzeige) für Knoblauch sind die lieben Mitmenschen, denen der Geruch auf die Nerven geht. Leider sind die Tabletten auch nicht immer so geruchlos, wie es die Werbung verspricht.

Johanniskraut (Hypericum perforatum) ist auch eine einheimische Heilpflanze. Es wirkt gegen leichte bis mittelschwere Depressionen und wird zusätzlich gegen Bettnässen eingesetzt. In Mischungen wird es gegen Unruhe und Schlaflosigkeit sowie Wechseljahresbeschwerden gebraucht. Das Öl kommt äußerlich zur Anwendung gegen Hexenschuß, Rheuma oder zur Förderung der Wundheilung. Klingt beruhigend? Leider ganz und gar nicht ! Johanniskraut in größeren Mengen macht lichtempfindlich. Sie kriegen also schneller einen Sonnenbrand. Außerdem gibt es Berichte, wonach Johanniskraut die Wirkung der Pille zwecks Verhütung beeinträchtigen kann. Und nicht zuletzt hat es mit einigen stark wirksamen Medikamenten lebensgefährliche Wechselwirkungen, z.B. mit Blutgerinnungshemmern, Arzneimitteln zur Verhinderung der Abstoßung transplantierter Organe und Mitteln gegen AIDS. Also kein Mittel, das zur uneingeschränkten Selbstmedikation empfohlen werden kann. Hier ist fachliche Beratung manchmal lebenswichtig !

Selen ist ein natürlich vorkommendes Element, welches wir als Spurenelement für wichtige Eiweiße und Enzyme im Körper brauchen. Als Antioxydans wird der Einsatz bei der Krebsbekämpfung postuliert, und es kann die Nebenwirkungen von Krebsmedikamenten verringern. Auch die Spermienproduktion und die Funktion der Prostata werden durch Selen beeinflußt, und das Immunsystem arbeitet besser bei ausreichender Selenzufuhr. Problemlos ?

Nein, wie es schon heißt, Selen ist ein Spurenelement, und darf daher auch nur in Spuren in unserem Körper vorkommen. Zuviel ist giftig- und man hat sehr schnell zuviel. Eine Selenvergiftung äußert sich in Störungen des Haar- und Fingernagelwachstums, Nervosität, Kreislaufstörungen und Nervenschäden.

Wechselwirkungen gibt es auch. So machen Selen und Vitamin C, gleichzeitig
gegeben, sich gegenseitig unwirksam. Auch behindert Selen die Aufnahme von anderen Spurenelementen wie Zink, Mangan und Chrom. Größere Mengen Selen sollten daher nur nach Verordnung oder mindestens Rücksprache mit dem Arzt eingenommen werden.
Wie Sie sehen, ist die freiverkäufliche Naturmedizin selten unproblematisch.

Daher gilt auch hier der Rat : Zu Präparateempfehlungen, Risiken oder
Nebenwirkungen fragen Sie...... ihren Apotheker!

Erstellt Dezember 2004
Copyright © Charlotte Erpenbeck

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